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Dresdner Sportclub 1898 e.V. Abteilung Fußball | 26. Juni 2017

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50 Jahre DDR-Pokalsieger SC Einheit Dresden

11.12.2008

Am 14. Dezember 2008 jährt es sich zum 50. Mal, dass der damalige Sportclub Einheit Dresden DDR-Pokalsieger 1958 wurde. Dieser Titel war der größte Triumph des Friedrichstädter Fußballs in den Jahren der DDR-Diktatur. DSC-Vereinsarchivar Andreas Tschorn zeichnete den überraschenden Erfolg der Pokalhelden von damals nach. 

Das Jahr 1958 sollte für den Dresdner Fußball erfreulich ausklingen. Nach Siegen gegen die BSG Aufbau Aue-Bernsbach (heute SV Saxonia Bernsbach, 3:1), die BSG Motor Altenburg (heute SV Motor Altenburg, 3:0), die BSG Fortschritt Meerane (heute Meeraner SV, 2:1), die BSG Empor Wurzen (heute ATSV Frisch Auf Wurzen, 5:0) und den ASK Vorwärts Berlin (heute Frankfurter FC Viktoria, 3:1) stand der SC Einheit Dresden am 14. Dezember 1958 im Cottbusser Max-Reimann-Stadion gegen den SC Lokomotive Leipzig (heute FC Sachsen Leipzig) im DDR-Pokal-Finale.

Die Zeitung berichtete vom bisher „dramatischsten, schönsten und mitreißendsten Pokalendspiel der DDR“: Als der hervorragend leitende Schiedsrichter Bergmann, genau wie alle 24 eingesetzten Spieler, erschöpft und auch nervlich stark mitgenommen nach 120 Spielminuten das FDGB-Pokalendspiel zwischen dem SC Einheit Dresden und dem SC Lok Leipzig abpfiff, überfluteten Hunderte Dresdner Schlachtenbummler den von den Spuren des unerhörten Kampfes gezeichneten Rasen im Cottbusser Max-Reimann-Stadion. Sie feierten überschwenglich ihre Elf, die sich so großartig zu steigern gewusst und nahezu in letzter Minute dem Pokalverteidiger die begehrte Trophäe aus den Händen gerissen hatte. Es war ein herrliches Pokalfinale, das alle Erwartungen erfüllte, nein, sogar übertraf. Neben rein spielerischen Glanztaten sah man schon nach kurzer Zeit, daß sich der typische Pokalgeist, der solche Spiele erst zum dramatischen Erlebnis werden läßt, mit seiner ganzen Intensität entzündete.

Maßgeblich mögen dazu auch die zahlreichen Zuschauer aus Leipzig und Dresden beigetragen haben, die mit Fahnenschwenken und Sprechchören schon vor dem Anpfiff die Mannschaften begrüßten. Die Fußballfreunde von Cottbus, die wohl noch nie ein solches Spiel in ihrer Stadt zu sehen bekamen, wurden von dieser Atmosphäre bald mitgerissen, und so waren auch im äußeren Rahmen alle Bedingungen für einen packenden Kampf gegeben. Noch ein Gedanke sei der rein spielerischen Betrachtung vorangestellt. Dieses Spiel offenbarte auch dem letzten Zweifler (und das am Ende einer strapaziösen Saison!), daß der Fußball in unserer Republik enorm gewachsen ist. Dieses Pokalendspiel überstrahlte an Rasse und Technik, an echter fußballerischer Demonstration das vorjährige wesentlich. Um so mehr dürfen sich die Dresdner freuen, nicht nur im Endspiel gestanden, sondern sogar gewonnen zu haben! Allerdings, und damit möchten wir näher auf das Spiel eingehen, sah es lange Zeit nicht nach einem Dresdner Sieg aus.

Die Leipziger stellten sich gegenüber dem Vorsonntag, wo sie gegen Lok Weimar soviel Mühe hatten, in sprunghaft verbesserter Verfassung vor. Imponierend ihre zügigen, schnellen Kombinationen über die Flügel, die anfangs vor allem Albig und Jochmann sehr zu schaffen machten. Hervorragend dirigiert von „Röhre“ Baumann, dem Halbrechten Fischer und Läufer Polland wurden die Angriffe des SC Lok Leipzig immer gefährlicher und zwingender, zumal die Leipziger auch mit messerscharfem Einsatz ihre körperliche Überlegenheit in die Waagschale warfen. So zogen vor allem Dresdens Stürmer lange Zeit den kürzeren, sie lösten sich auch zu wenig von der konsequenten Manndeckung und wurden von hinten oft zu hoch angespielt Pfeifer, Hansen und Vogel, die Träger des Dresdner Mittelfeldspieles, verloren durch zu langes Ballhalten und umständlicher Dribblings manches Duell.
Dennoch imponierte in dieser Zeit schon die Ruhe und Selbstsicherheit, mit der sich der SC Einheit an die Lösung einer schweren Aufgabe heranmachte. Allmählich fanden Albig und Jochmann den Faden (vor allem Albig kam später ganz groß heraus). Losert markierte sehr aufmerksam den gefährlichen Durchreißer Scherbarth. Und doch hatte es gerade dieser Spieler in den Beinen, seiner Mannschaft das so wichtige Führungstor zu schenken. Einmal köpfte er an die Querlatte, dreimal stand er nur wenige Meter völlig frei von Großstück. Aber die Nerven gingen mit ihm durch. Die Sicherheit von Großstück sollte sich in dieser starken Zeit des SC Lok Leipzig auszahlen, denn in der zweiten Hälfte, als die Leipziger (durch Scherbarth in der 60. Minute) nach einem großartigen Angriff über den linken Flügel doch zum 1:0 gekommen waren, konnten die verpaßten Chancen der ersten 45 Minuten nicht mehr zurückgerufen werden. Jetzt nämlich, mit der schon sicher scheinenden Niederlage im Nacken, zeigten die Dresdner den 15000 Zuschauern und Millionen Fernsehfreunden, was in ihnen wirklich steckt, wie sie im Halbfinale den Deutschen Meister ASK Vorwärts ausgebootet hatten.

Pfeifer und Hansen, durch manchen vorher verlorenen Ball etwas vorsichtig in der Offensive geworden, rückten nun entschlossen nach vom. Der kleine Walter, der das Spiel seines Lebens lieferte, erhöhte wie alle anderen Dresdner seinen Eifer, seine Übersicht und seinen Einsatzwillen. Acht Minuten nach dem 1:0 hieß es 1:1. Pfeifer war der Glückliche, der einen Freistoß von Hansen ins Netz köpfte. Mit einem Mal riß der Leipziger Kombinationsfaden, nun zeigte sich die größere nervliche und konditionelle Stärke des SC Einheit. Diese beiden Faktoren wurden vor allem in der Verlängerung entscheidend, in der übrigens beide Mannschaften auswechselten. Wenn auch ab der 90. Minute nicht von einer eindeutigen Überlegenheit des SC Einheit gesprochen werden kann (das Spiel war weiterhin schnell, abwechslungsreich und wurde mit voller Offensivkraft von beiden Mannschaften bestritten), so war doch das klügere, durchdachtere Spiel der Elbestädter unverkennbar. In der 112. Minute schien die Entscheidung zu fallen, aber Matthes traf nach toller Energieleistung und Bombenschuß nur den Pfosten.

Eine Minute später kam der Pokal-K.O. für die erschöpften Leipziger. Dieser Treffer muß als der einzige „Mißton“ (wenn man so will) bezeichnet werden. Es war ein unglückliches Tor, ein „dummes Ding“. Völlig aufgestört, entsetzt und seine „Tat“ nicht fassend, starrte Läufer Söllner dem Ball hinterher, der nach einem Schuß von Matthes an sein Schienbein und von dort ins Tor prallte. Schade, ein Eigentor hätte den verdienten Sieg der Dresdner nicht herbeiführen dürfen. Manchen wird es jetzt geben, der von „Zufall“ spricht. Doch der sachlich Urteilende wird bestätigen müssen: Die Steigerung des SC Einheit Dresden in der letzten Stunde, das unverdrossene, unbeirrbare Abwarten auf die große Chance läßt ebenso wie die vorzügliche spielerische Leistung diesen hervorragenden Erfolg verdient erscheinen. Der SC Einheit Dresden ist ein würdiger Pokalsieger, und dem SC Lok Leipzig muß man nach diesem dramatischen 120 Minuten ebenfalls die uneingeschränkte Hochachtung zollen.

SC Einheit Dresden: Wolfgang Großstück – Christoph Albig, Gert Losert, Werner Jochmann – Wolfgang Pfeifer, Manfred Hansen – Lothar Müller, Horst Walter, Felix Vogel, Gottfried Matthes, Eberhard Petersohn (108. Bodo Knappe); Trainer: Hans Siegert
SC Lokomotive Leipzig: Dieter Sommer – Klaus Frauendorf, Karl-Heinz Brandt, Dieter Busch – Gerhard Polland, Siegfried Söllner – Werner Gase (112. Günther Konzack), Dieter Fischer, Dieter Scherbarth, Rainer Baumann, Günter Behne; Trainer: Alfred Kunze
Tore: 0:1 Dieter Scherbarth (60.), 1:1 Wolfgang Pfeifer (68.), 2:1 Siegfried Söllner (Eigentor, 113.)
Schiedsrichter: Werner Bergmann (Hildburghausen)
Zuschauer: 15000 in Cottbus

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